Autorenlesung in Rot an der Rot

Anja Tuckermann klärt auf - Autorenlesung in Rot an der Rot

 

Am 19.03.2019 fuhr die Jahrgangsstufe 10 des Schulverbunds Laucherttalschule (Abteilung Realschule) mit ihren Deutschlehrern Herrn Knaus, Frau Parentis und Frau Schirmer von Gammertingen aus nach Rot an der Rot. Im Mittelpunkt stand hier Anja Tuckermann, die Autorin der diesjährigen Prüfungslektüre „Mano – Der Junge, der nicht wusste, wo er war“.

In diesem Buch geht es um den 12-jährigen Sinto- Jungen Mano, der während der NS- Zeit einige Konzentrationslager sowie den Todesmarsch von Sachsenhausen überlebt und getrennt von seiner Familie anschließend nach Frankreich mitgenommen wird. Der völlig ausgehungerte Junge kann sich in Frankreich nicht orientieren und weiß nicht, wo er ist, da er ursprünglich aus München kommt. Dass er glaubt, sich auch nach der Grenzkontrolle unter keinen Umständen als Deutscher zu erkennen geben zu dürfen, macht die Eingewöhnung nicht leichter.

Ausschlaggebend für dieses Buchprojekt war eine Anfrage der Gedenkstätte Bergen- Belsen, ob die Autorin bereit wäre, die Geschichte der Sinti Mano und Hugo Höllenreiner zu Papier zu bringen. Da Anja Tuckermann sowieso überzeugt war, dass viel zu wenig über die Geschichte der Sinti und Roma bekannt ist, war es ihr genauso wie den Betroffenen ein Anliegen, dieses Buch speziell für Jugendliche zu veröffentlichen. So stieg die Autorin auch in ihrem insgesamt 90- minütigen Vortrag mit Hintergründen über die Sinti und Roma ein. Sie führte genauer aus, wie Sinti- Kinder über Jahrhunderte gelernt hatten Erwachsenen zu gehorchen und wie sie erfahren mussten, dass sie nirgends gewollt waren. Von Generation zu Generation wurde so weitergegeben, dass es wichtig war, die eigene Sprache und Kultur möglichst zu verbergen.

Auch Schlüsselstellen aus dem Buch und Hintergründe zur Entstehung des Buches sollten während der Lesung nicht zu kurz kommen. So galt es gemäß der Autorin hinsichtlich der Entstehung des Buches zunächst im Rahmen eines Treffens mit Mano herauszufinden, ob es möglich war mit ihm ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Schließlich sollte Anja Tuckermann die erste Person sein, gegenüber der sich Mano öffnete und mit der er über seine traumatische Vergangenheit sprach. So wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Manos Familie über die teils grausamen Erfahrungen Bescheid. Erst nach seinem 70. Geburtstag äußerte Mano einen lang gehegten Wunsch: „Ich träume davon eines Tages alles herauszuschreien.“

Anja Tuckermann schrieb zuerst die Geschichte des Cousins von Mano, Hugo Höllenreiner, nieder. Gerade bei Hugo habe es sie oft viel Kraft gekostet während der Erzählungen nicht mit ihm zu weinen. Schließlich wollte sie verhindern, dass durch ihre Anteilnahme die Stimmung zerstört wurde. Was dann im Zusammenhang mit dem nächsten Buch folgte, waren viele Gespräche mit Mano. Währenddessen bekam die Autorin hautnah mit, wie schwer es für Mano war Worte für das Erlebte zu finden und wie sich durch die Konfrontation mit der Vergangenheit immer wieder erneut Angstzustände bemerkbar machten. Speziell wegen den immer wieder neu von Angst besetzten Veränderungen, die mit jedem Wechsel des Konzentrationslagers in der Kindheit verbunden waren, hätte Mano gemäß der Autorin auch heute noch Angst vor jeglichen Veränderungen.

Allein die Interviews haben der Autorin letztlich nicht als Hintergründe für das Niederschreiben des Buches ausgereicht. So reiste sie unter anderem nicht nur einmal nach Frankreich, um auch in Stadtarchiven Information zu überprüfen und weitere Informationen zu finden und so Manos Geschichte möglichst authentisch darstellen zu können. Insgesamt hat die Autorin circa 20 Mal von Neuem mit dem Schreiben des Buches begonnen. Dass sie auch heute noch Kontakt zu dem inzwischen 85 Jahre alten Mano hat und ihn nach Frankreich begleitet hat, um nach etlichen Jahren Paul zu treffen, in dessen Familie er nach seiner Ankunft in Frankreich zunächst untergekommen ist und der für ihn wie ein Bruder geworden ist, zeugt davon, dass sich zwischen Mano und Frau Tuckermann im Laufe der Zeit ein inniges Verhältnis entwickelt hat.

An dieser Stelle möchten wir uns auch dafür bedanken, dass Mano über seinen Schatten gesprungen ist und uns mit Anja Tuckermann die Möglichkeit gegeben hat, uns an seinem Leben teilhaben zu lassen.

 

Ayleen Aygün, Lukas Miller, Julian Geweth

 

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